Euthanasie und die Zeit danach

Exklusion - Behinderte Menschen in Zeiten des Faschismus

Rassentheorie

Die Nationalsozialisten verfolgten eine radikale Rassenlehre. Sie erklärten die Arier als Urrasse zum menschlichen Ideal; eine geistig, politisch und kulturell überlegene nordische Menschengruppe, die zur Herrschaft über alle anderen Rassen bestimmt war. Das deutsche Volk erklärten sie zu einem Vertreter der sogenannten arischen Rasse. In ihrer Rassentheorie galt diese als vollkommen. Daher sei sie als Urrasse allen anderen Rassen überlegen und zum herrschen über diese bestimmt. Die Rassenhygiene sollte die arische Rasse in Reinheit und Qualität erhalten. Das Blut sollte von unerwünschten Einflüssen wie Krankheiten oder Behinderungen rein gehalten werden. Nur so könne sich die Menschheit zu Höherem entwickeln. Kranke und Menschen mit Behinderung stellten für sie somit eine Bedrohung dar und mussten vernichtet werden.

Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses

Am 25. Juli 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet. Damit wurde die Sterilisation bei Behinderten gegen den Willen der Betroffenen legalisiert. Die Erlaubnis für einen Eingriff war bei verschiedenen Anzeichen und Merkmalen gegeben, so etwa bei „angeborenem Schwachsinn“, Schizophrenie, erblicher Blindheit oder Taubheit, schwerer erblicher körperlicher Missbildung, schwerem Alkoholismus. Die Entscheidung über die Durchführung einer Sterilisation oblag eigens eingerichteten „Erbgesundheitsgerichten“. Von 1933 bis 1945 wurden etwa 350.000 bis 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Die Sterilisation kostete Tausenden Menschen das Leben oder verursachte schwere, bleibende Gesundheitsschäden. Die Erb- und Rassenpflege gipfelte in einem Projekt zur Massentötung.

Euthanasie und die "Aktion T4"

Ende der 30er Jahre war auf einem Werbeplakat der NSDAP ein sitzender, verkrüppelter Mann und hinter ihm ein Pfleger zu sehen: "60.000 RM kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit“. Mit dem Titel „Volksgenosse, das ist auch Dein Geld" gab die NSDAP deutlich zu verstehen, dass Behinderte und unheilbare Kranke, ähnlich den Juden, nicht in die Volksgemeinschaft passten. Vom Wort Euthanasie, dessen ursprüngliche Bedeutung „vom guten oder auch schönen Tod“ ist, leitete die NS-Regierung die Pflicht des Staates ab, sich von den „Defektmenschen“ oder auch „Ballastexistenzen“, wie die Behinderten früher tituliert wurden, zu entledigen. Mit den Forschungen der sogenannten „Rassenhygienikern“ rechtfertigte man die Morde an Menschen, deren Leben nach Vorstellung der Nationalsozialisten nicht lebenswert war.

Hitler selbst gab das Ermordungsprogramm unter dem Decknamen "Aktion T4" in Auftrag. T4 steht für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Hier befand sich der Hauptsitz der Aktion. Leiter war der Chef der "Kanzlei des Führers", Philipp Bouhler. Gemeinsam mit Ärzten, Pflegern und anderen setzte er die Tötung von mehreren Tausend Kranken und Menschen mit Behinderung um und entwickelte eine Maschinerie von Massenmorden.

Das Vorgehen war genau organisiert. Mitarbeiter der „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ versandten zuerst Formulare an die Betroffenen. In diesen mussten sie Angaben über ihre Krankheit oder Behinderung machen. Verschiedene Gutachter befanden dann, ob die Betroffenen zu leben oder zu sterben hatten. Fiel die Entscheidung auf Tod, lieferte die Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft sie in spezielle Tötungsanstalten ein. Dort erwartete sie der Tod durch Giftspritze oder Vergasung. Die Leichen äscherten sie ein. So konnten die Angehörigen keine Obduktion veranlassen. Zudem versandten sie Schreiben an die Angehörigen, in denen sie eine falsche Todesursache und einen falschen Todesort angaben.

Von Oktober 1939 bis August 1941 ermordeten die Nationalsozialisten durch die "Aktion T4" mehr als 70.000 kranke, erschöpfte und behinderte Menschen.

Die Fortsetzung "Aktion 14 f 13"

Obwohl sich die Nazionalsozialisten bemühten, die "Aktion T4" geheim zu halten, gerieten ihre Taten bald an die Öffentlichkeit. Die Mehrheit der Bevölkerung war empört. Auch Mitglieder der Kirche protestierten gegen das menschenverachtende Vorgehen. Er hielt mehrere verurteilende Predigten. Kurz darauf beendete Hitler die "Aktion T4“ offiziell. Im Geheimen aber gingen die Tötungen unter dem Namen "Aktion 14 f 13" noch bis zum Kriegsende weiter. Immer neue Menschengruppen, wie beispielsweise tuberkulosekranke, alte, wohnungslose oder unbequeme Menschen und Arbeitsunwillige, wurden aussortiert und vergast. Auch hierzu dienten nun die Konzentrationslager. Von April 1941 bis zum Tag der Befreiung 1945 fielen nochmals etwa 200.000 weitere Menschen dem Euthanasieprogramm zum Opfer

Separation

Ende des 2. Weltkriegs gruppierten sich die Behinderten wieder. Zu verdanken war das ausgerechnet den Soldaten, die zuvor noch für die Männer getötet hatten, die die Ausrottung der Behinderten anordneten. Die beiden größten und heute noch bestehenden Verbände waren der "Reichsbund der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten, Sozialrentner und Hinterbliebenen" (heute der Sozialverband Deutschland) und der VDK.

Darauf hin gründeten die Eltern behinderter Kinder Elternvereine wie den "Verein zur Förderung spastisch gelähmter Kinder" oder die "Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind", heute die „Lebenshilfe Deutschland“. Die Arbeit der Eltern war außerordentlich erfolgreich, denn sie schufen ein regelrechtes System mit teilstationären Einrichten wie Sonderkindergärten, Sonderschulen und Werkstätten. Die Zwangssterilisation wurde abgeschafft. In dieser Zeit der Ausgrenzung hatten die Behinderten Orte, an denen sie sie selbst sein, vor allem aber leben und überleben konnten. Anfang der 70er Jahre begann die „Krüppelbewegung“. In dieser Zeit begannen Menschen mit einer körperlichen Behinderung selbst die gleichen Rechte und Möglichkeiten, wie nichtbehinderte Menschen sie als selbstverständlich erachteten, zu fordern.

Das Handeln über Dritte, wie es bis dahin durch die Elternvereine üblich war, lehnten sie ab. Somit begannen die Behinderten nicht nur einen Platz in der Gesellschaft, sondern auch gleiche Rechte zu fordern. Mit dem „Internationalen Jahr der Behinderten“ der Uno 1981 begann die Integration, die Eingliederung der Behinderten in die Gesellschaft.

Integration

Bei der Eingliederung wird der Behinderte von der Gesellschaft geduldet. Er gehört aber nicht wirklich zu ihr. Er ist immer noch anders und muss sich entsprechend anpassen. Die Gesellschaft erweitert sich also um die Menschen mit Behinderung. Wie diese Eingliederung aussehen und von statten gehen sollte, wurde im Sozialgesetzbuch verankert. Doch die Eingliederung konnte nie wirklich umgesetzt und Barrieren nie wirklich abgebaut werden. Bis heute sind viele Barrieren geblieben.

So auch diese in den Köpfen der Menschen, denn im denken hat sich nicht großartig etwas verändert. Es findet zwar teilweise ein Umdenken statt. Doch ein Behinderter wird immer noch genauso angegafft wie vor 20 Jahren. Ein Nichtbehinderter, der im Rahmen eines VHS-Kurses einmal in die Rolle eines Rollstuhlfahrers schlüpfte, beschrieb anschließend: Ich bin im Bus. Man sieht die Köpfe der Fahrgäste weit über sich. Die reden über mich. Sie reden mit meiner Begleitung. Niemals mit mir. „Wie heißt er denn?“ fragen sie oder: „Wie alt ist er denn?“ „Was hat er denn?“ will eine Dame wissen. Und als letztes: „Kann er reden?“ Der Behinderte erfährt sich als Objekt. Und in einem Land, in dem die Eingliederung der Behinderten schon nicht funktioniert hat, ist nun von Inklusion die Rede.